Wie mein Traum vom GUE Instruktor beinahe zerplatzte

Anfang 2019 war eine entscheidende Phase in meinem Taucherleben, denn ich stellte wichtige Weichen in Richtung „taucherische“ Zukunft. Erstens meldete ich mich für einen Cave 2 in Florida an und zweitens begann ich, mich intensiv auf einen ITC vorzubereiten. ITC steht für „Instruktor Training Course“ und ist ein zentrales Element auf dem Weg zum GUE Instruktor. Der Kurs sollte im Mai 2019 stattfinden.

 

Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen: Die Liste an erforderlicher Vorarbeit ist fast so lang wie dieser Beitrag. Pro Woche investierte ich neben meiner Arbeit rund 20-30 Stunden, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Ich war fest entschlossen!

Anfang März fingen die Dinge leider an, sich in die falsche Richtung zu entwickeln. Ich litt unter immer stärkeren Rückenschmerzen und begab mich in physiotherapeutische Behandlung. Zwei Wochen vor dem Abflug nach Florida wollte ich am heimischen See testen, ob ich es überhaupt mit Doppelgerät ins Wasser schaffe. Die Antwort hätte klarer nicht ausfallen können: Nein, keine Chance! Nachdem ich die D12 aus dem Auto gehoben hatte, waren die Schmerzen schlagartig so schlimm, dass ich mich erst einmal 20 Minuten im strömenden Regen auf einen Rödeltisch legen musste. Der Cave 2 war in diesem Moment gestorben.

Zwischen diesem Bild ...

Zu Hause überstand ich die nächsten Tage nur noch mit Hilfe starker Schmerzmittel, vor allem aber dank der Unterstützung meiner Eltern und meiner Freundin. Länger als 30-60 Sekunden am Stück konnte ich das Bett nicht mehr verlassen. Die Nächte waren eine Qual, so dass ich mich in die Notfallambulanz des Ev. Krankenhauses in Mettmann fahren ließ. Nach der klinischen Untersuchung und dem Röntgen des Beckens und der LWS lautete die Diagnose „Muskelverspannung“. Mit aufmunternden Worten schickte man mich wieder nach Hause: „Sie haben nichts. Tut halt weh, da müssen Sie jetzt durch.“ Na dann...

Sechs Tage nach dem folgenschweren Versuch am See wurde mir erneut der Drang zum Wasser zum Verhängnis. Nach 24 Stunden im Bett wuchs der Wunsch nach Körperpflege und die Badewanne war der einzige Ort, der dafür noch in Frage kam. Beim vorsichtigen Versuch, mich in das bereits eingelassene Wasser hinabzulassen, verspürte ich einen stechenden Schmerz im Lendenwirbelbereich. Es fühlte sich an, als ob jemand ein Messer in meinen Rücken schieben und dann ganz langsam umdrehen würde. Laut schreiend fand ich - keine Ahnung wie - den Weg zurück ins angrenzende Schlafzimmer und ins Bett. Meine Freundin sah keinen anderen Ausweg als einen Notarzt zu verständigen.

Als dieser wenig später eintraf, hätte mein Zustand jämmerlicher nicht sein können. Nass (von der Wanne), nackt und schreiend lag ich auf dem Bett. Meine Laune verschlechterte sich weiter, als mir der Arzt mitteilte, Schmerzmittel würden nur bei Knochenbrüchen verabreicht. Erst meine dringende Aufforderung, mir dann bitte den Arm zu brechen, veranlasste den Notarzt, von diesem Prinzip abzurücken und mir eine Narkose zu verpassen.

Meine letzte bewusste Erinnerung an dieses Ereignis ist, dass meine Evakuierung durch das Fenster aus der Wohnung in der 2. Etage mit Hilfe der Feuerwehr vorbereitet wurde. Meine Freundin war damit beschäftigt, mir das Nötigste für meinen Krankenhausaufenthalt zusammenzusuchen und kam in der Hektik nicht dazu, dieses einmalige Schauspiel im Bild festzuhalten. Da hat man schon mal die Gelegenheit, von 12 Personen aus dem Fenster gerettet zu werden und alles, was einem bleibt, sind ein paar Zeugenaussagen von Nachbarn, die durch eine extra eingerichtete Sperrung der Hauptstraße auf das Schauspiel aufmerksam wurden.

... und diesem hier lagen keine zehn Wochen
Notaufnahme der Uniklinik Düsseldorf nach erfolgreicher Evakuierung

Nach einigen Tagen im Krankenhaus sowie der Diagnose „Bandscheibenvorfall L5/S1“ wurde immer deutlicher, dass ich um eine Operation nicht herumkommen würde. Mein Bett konnte ich selbst mit fremder Hilfe nicht mehr verlassen. In den zehn Tagen zwischen Einlieferung und Operation habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, was aus mir wird, wenn Dinge wie Bettpfanne, Waschlappen und Füttern dauerhaft die Plätze von Toilette, Dusche und Restaurant einnehmen würden. Und - so ehrlich will ich sein - selbst in dieser Zeit trauerte ich dem geplatzten Traum des Instruktor-Daseins hinterher.

Am 1. April 2019 lag ich in der Uniklinik Düsseldorf auf dem OP-Tisch und der Anästhesist fragte mich, was ich heute machen würde, wenn ich nicht im Krankenhaus wäre. „Ich würde heute in High Springs in Florida meinen Cave 2 anfangen“ lautete meine Antwort. Zum erbetenen Themenwechsel kam es jedoch nicht mehr...

Zum Glück verlief die Operation sehr gut. Bereits am nächsten Tag unternahm ich den ersten vorsichtigen Gehversuch. Die Höhepunkte der kommenden Tage waren die erste Dusche (unter Aufsicht) nach 14 Tagen Waschlappen, die eigenhändige Benutzung von Messer und Gabel sowie der selbständige Gang zur Toilette, wenn auch ohne dort wirklich Platz zu nehmen. Derartige Selbstverständlichkeiten weiß man erst dann wirklich zu schätzen, wenn sie plötzlich nicht mehr möglich sind.

Sieben Tage nach der OP ging es per Krankentransport wieder in die eigenen vier Wände zurück. Sitzen war sechs Wochen lang komplett verboten und alles, was zu schwer für eine Müllzange war und sich unterhalb meiner Hüfthöhe aufhielt, blieb unerreichbar. Also war ich weiterhin auf Hilfe angewiesen.

Die Sockenanziehhilfe  - meine neue beste Freundin
Mittägliche Fütterung

Nach rund einem Monat konnte ich wieder für ein paar Tage alleine gelassen werden. In dieser Zeit musste ich wildfremde Menschen beim Einkaufen fragen, ob sie mir eine Packung Käse aus dem untersten Regal reichen können oder einen Nachbarn bitten, mir die Bratpfanne aus der untersten Schublade zu holen. Apropos Einkaufen: Wenn man maximal 3-5 kg heben darf, kein Auto fahren kann und der nächste Supermarkt einen Kilometer entfernt ist, dauert ein normaler Einkauf schnell mal den halben Tag, da man mehrmals gehen muss und nach jedem Gang erstmal eine Stunde Ausruhen angesagt war.

Nach 9 Wochen konnte ich wieder eingeschränkt im Home Office und nach über drei Monaten wieder am normalen Arbeitsplatz meinem Job nachgehen. In dieser Zeit wurde der Wunsch immer größer, die Wasseroberfläche im See mal wieder von unten zu sehen. Zum Glück waren einige nette Menschen bereit, mir das schwere Zeug ins Wasser zu tragen, so dass ich deutlich früher wieder mit dem Tauchen beginnen konnte, als mir dies sonst möglich gewesen wäre.

So konnte ich im August 2019 meinen ersten GUE Fundamentals als Intern begleiten, in dem mir der Instruktor meine Sachen ins Wasser trug. Fast auf den Tag genau ein Jahr und mehrere tausend Stunden Arbeit später beendete ich erfolgreich meine Instruktor Evaluation.

Es macht mich besonders stolz, dass meine Freundin, die mir nicht nur in der schweren Zeit meiner Erkrankung eine unfassbare Hilfe war, meine erste Schülerin wurde. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft!!!